* 1966 born in linz / austria
* superior academy of commerce, graz / austria
* school of fashion and design, graz / austria
* the costume michelbeuern school for tailoring and dressmaking, vienna / austria
* domus academy - master in fashion design / milan / italy
* 1995 foundation of C.C.P. s.r.l. milan, company which manages all activities concerning
C.C.P.


ES GEHT JA EBEN NICHT NUR UM PRODUKTION VON WAS IMMER.

CAROL CHRISTIAN POELL ist eine singuläre Erscheinung auf dem weitläufigen Terrain der internationalen Mode.
Oft wird er gefragt, ob er sich als Designer, Schneider oder Künstler fühle.. dann sagt er „ricercatore“, Forscher, oder antwortet in einem anderen Interview „Industrial Designer“.

Mit vierzehn bricht er von zuhause auf, in „die Sprachlehre“ nach Italien. Zurück in Österreich langweilt ihn die Schule und man lässt ihm die Wahl zwischen Gerberlehre (der Vater, Großvater, die Onkel, alle waren sie „im Leder“...)oder Schneiderei, er wählt letzteres als das Unvertrautere, macht seinen Abschluss in Damen- und Herrenschneiderei in Wien, Michelbeuern und braucht die Mailänder Domus Academy nicht, um das Fachliche oder das Künstlerische zu lernen - „das Konzeptuelle, wie man eine Kollektion plant, hab ich hier gelernt“. Hier trifft er auch Sergio Simone, den Kompagnon der CCP s.r.l. für das, was dieser, nach zehn Jahren gemeinsamer Arbeit ausdrückt mit „ich habe jeden Tag das Gefühl, an einem wissenschaftlichen Experiment mitzuarbeiten“.

DAS ARBEITEN UNTER EIGENEM NAMEN HATTE CAROL CHRISTIAN POELL NICHT GEPLANT. Seine industriellen Kollektionen in Österreich und Italien sind sehr erfolgreich, bis ihm unter den Händen entsteht, was er später die "UNINTENDED COLLECTION" nennt: eine Hose, ein Sakko, ein Hemd, ein T-Shirt.. die Quintessenz., wie er selbst sie sich vorstellt. Fatum, Zufall führt japanische Einkäufer vorbei, sie kaufen zehn Hosen und sind, wie die meisten seiner sich rasch erweiternden, weltweiten Klientel, noch immer seine Kunden. Und auch heute antwortet CCP, angesprochen auf sein künstlerisches Potential, noch immer „am Ende des Tages hab ich doch nur eine Hose, eine Jacke, ein Hemd gemacht.“
Über fünfzehn Jahre arbeitet er nun, „AUS DEM TIEFSTEN UNBEWUSSTEN“, OHNE VORGEFASSTES ÄSTHETISCHES KONZEPT, „DIE ÄSTHETIK IST DAS ERGEBNIS FORSCHENDER SUCHE“.

SEINE PRÄSENTATIONEN UND PERFORMANCES, WEITAB VON LANDLÄUFIGEN CAT WALK SHOWS, HABEN MITTLERWEILE KULTSTATUS. Als er zuletzt eine gesamte Kollektion aufs Spiel setzt, (sie wird ihm einen Preis für die beste Herrenkollektion der Saison einbringen) um im Mailänder Canale Naviglio zu demonstrieren, wie „die Mode den Bach runtergeht“, sehen die einen preraffaelitische Schönheit, die anderen ein apokalyptisches Szenario.

AB DER ERSTEN "INTENDED COLLECTION" GEHT ER DARAN, STOFFE SELBST ZU ENTWICKELN, Leder nach archaischen oder unerhörten neuen Verfahren zu gerben, zu verdünnen bis zur Durchsichtigkeit, zu zerreiben, zu verwunden.. Verletzung, Verstörung und Tod kommen ins Spiel... „La Ferita di Milano“, die Wunde von Mailand, titelt eine Modereportage.

Noch hat er den Geruch des Leders in der Nase, in der Gerberei des Großvaters, mit Pferden ist er aufgewachsen, aber die Jäger bringen das frisch erlegte Wild zum Abhäuten und der nahe liegende Schlachthof ist der Ort des Grauens ( noch heute kann er kein Blut sehen) und der Faszination. DAS TIER, DAS WIR TÖTEN, UM UNS ZU KLEIDEN, IST IHM NICHT GLEICHGÜLTIG.
"THREE REFRIGERATED CELLS" nennt er die Präsentation und mietet drei Kühlräume im Schlachthaus - die Kollektion, großteils aus Leder, im ersten Raum, im zweiten die enthäuteten Tiere, ästhetisch in Gaze gehüllt, im dritten ein Stuhl, und ein Spiegel davor. Wie geht Ihr damit um? „Für mich war es eine Hommage an die Tiere.“

UM BEWUSSTMACHEN GEHT ES IHM, UM VERANTWORTUNG, UM RESPEKT ...vor den Tieren, vor dem Kleidungsstück, auch dem Träger seiner Kleider-Objekte, um Haltung. Extrem schlanke Schnitte, knappe Armlöcher zwingen zu einer aufrechten Haltung, oder ein Metall-Fischbein stützt das T-Shirt ... „orthopädische Schneiderei“ ironisiert er. Sein Großvater mütterlicherseits war Mediziner.

1998 entsteht seine erste weibliche Kollektion. FE-MALE BLEIBT EIN STIMMIGES MOTTO FÜR AUS DER MÄNNERMODE ENTWICKELTE FORMEN. Das Weibliche ist ihm fremd, er nähert sich stückweise, macht Unterteile, sprich Röcke und Hosen, in der ersten Saison, in der zweiten Jacken und Blusen, zuletzt kommt der ganze Körper mit Mänteln, Kleidern, langen Hemden. Die Einkäufer sind ratlos... Konzeptkunst? Er analysiert, zerlegt in Bestandteile, "ELEMENTS OF GARMENTS" nennt er Strickteile, deren Kragen, Manschetten, Saum nur durch seitliche Fäden zusammengehalten werden.

"EXPECTANCE" IST DIE KOLLEKTION, DIE INS HERZ DES WEIBLICHEN VORSTÖSST. Akribisch wird die 9-Monate Rundung an einen Gürtel gearbeitet. Wie verändert das Kind meinen Körper? Ohne Fülle ist das Kleid aufs Schönste drapiert, erst die Leibesfrucht wird es ausfüllen. Die Models „verfallen bei den Anproben“... die glücklich erwartenden Frauen kommen nicht zum Zug... sowas wollen die Einkäufer nicht! Wie ironisch, sarkastisch ist die Euterkrone, die Tasche aus dem Kuheuter? „Uralte Fruchtbarkeitssymbole“ sagt er... und sieht das weibliche als das benachteiligte Geschlecht, eingeengt, eingeschränkt, auch selbstentfremded. „Welche Frauen ziehen sich für sich selbst an?“

SEINE ARBEIT SCHEIDET DIE GEISTER: WER WILL SICH SCHON KONFRONTIEREN? Für Männer wie Frauen entwickelt er die Kollektion "DISPOSSESSED"... enterbt, verarmt, entfremded? Als politische Aussage? Sein soziales Gewissen funktioniere vielleicht unbewusst.. um Verfremdung geht es ihm, aus dem gewohnten Kontext, dem Konventionellen löst er die klassischen Schnitte, indem er sie mit der Overlock-Maschine näht, locker zerfallend wirken sie, und es gibt Bewegungsfreiheit. Oder englische Brogues, der klassisch gelochte Herrenschuh, wird seiner Struktur entkleidet, lässt sich flach zusammenlegen. So entsteht, auf der Basis des traditionellen Handwerks, eine neue Klassik.

DER DESIGNER ALS DIKTATOR IST IHM SUSPEKT. Drei Saisonen arbeitet er an einem Partizipationsprojekt, indem er die Mode aufschlüsselt in ihre Grundelemente Form - Farbe und Stoff. Die Kollektion perfekt genäht wie immer wird in Rohbaumwolle (CALICO) präsentiert. Dazu gibt es Musterbücher der Stoffe und Farben. Die Kunden spielen nicht mit, finden es schwierig, sich ihre eigene Kollektion zu bilden...Alle wollen den Calico kaufen.
Für "TRADITIONAL ESCAPE" lässt er die jungen Männer aus den Räumen des Mailänder Studios mittels zusammengeknoteter Leintücher flüchten... vor jeglichem Modediktat, vor den Zwängen der Gesellschaft.

CCP selbst lässt sich nicht fangen. Sponsorenangebote lehnt er ab... „lieber laufe ich jedem Knopf nach“. Noch geht jedes Kleidungsstück durch seine Hände. ES KOMMT ZU EINER EXTREMEN INTENSITÄT DER BESCHÄFTIGUNG MIT DEM EINZELNEN TEIL. Die von ihm selbst in Form „getragenen“ Lederjacken hängen wie Kerle auf der Stange... von den Trägern hört er dann „Deine Jacke hat eine Seele.“

DER MANTEL AUS MENSCHENHAAR, erstanden auf der Haarmesse für Perückenmacher. „Du Wahnsinniger“, sagt ihm sein Weber, „niemand wollte das Haar angreifen“, (warum sollten wir nicht unsere nachwachsenden Ressourcen verwenden, sagt CCP), das mit Ochsenblut gefärbte Leder (mit dem Blut gebe ich ihm das Leben zurück), das Glasauge als Anhänger, von der Presse als abstrus apostrophiert (in dieser Kollektion ging es um Klarsicht, sagt CCP)... CAROL CHRISTIAN POELL WIRD IMMER AUCH ANSTOSS ERREGEN. In der Kunst steht ihm der Wiener Aktionismus nahe, „es geht um das Sich Aussetzen“. Und „ICH LEBE IN EINER HYPERREALITÄT, DIE VIEL SURREALER IST ALS JEDE REALITÄT“.